Bäume richtig anordnen – ein Gesundheitsfaktor?
Eine schweizweite Langzeitstudie zeigt: In Quartieren mit vielen und sinnvoll angeordneten B?umen ist das Sterblichkeitsrisiko tiefer als anderswo. Wieso dem so ist, und welche weiteren Faktoren eine Rolle spielen, muss weiter erforscht werden.
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In Kürze
- B?ume in St?dten tragen zum Wohlbefinden der Anwohner:innen bei.
- Grosse, zusammenh?ngende Baumfl?chen scheinen dabei mehr gesundheitliche Vorteile zu bieten als verstreute, fragmentierte Grünfl?chen.
- Die genauen gesundheitlichen Effekte von bewaldeten Fl?chen müssen weiter erforscht werden.
B?ume und Parks lockern nicht nur das Erscheinungsbild von urbanen Gebieten auf, sie tragen auch zum Wohlbefinden der Menschen bei. Das hat verschiedene Gründe: B?ume filtern Schadstoffe aus der Luft, spenden Schatten, senken an heissen Tagen die Umgebungstemperatur und animieren Menschen dazu, mehr Zeit im Freien zu verbringen. Viele Regierungen haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt, wie viele B?ume sie in den kommenden Jahrzehnten pflanzen wollen – auch als Reaktion auf den Klimawandel und steigende Temperaturen. Doch in dicht bebauten St?dten ist der Platz für neue Grünfl?chen begrenzt. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lassen sich bestehende Fl?chen optimal mit B?umen bepflanzen?
Diese Frage besch?ftigt sowohl die Forschung als auch die Praxis der Stadtentwicklung, da die Antwort immer auch die konkreten, lokalen Raum- und Klimaverh?ltnisse berücksichtigen muss. Entsprechend untersuchen auch ETH-Forschende diese Frage nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Asien: Aktuell sind Forschende des Future Cities Lab der ETH Zürich in Singapur und der National University of Singapore (NUS) dieser Frage nachgegangen und dabei auch auf interessante Querbezüge zur Gesundheit der Stadtbewohner:innen gestossen.
Daten von über sechs Millionen Personen analysiert
Zun?chst ermittelten die Forschenden mittels hochaufl?sender Baumkronen-Daten wie die bewaldeten Grünfl?chen im Umkreis von jeweils 500 Metern um den Wohnort einer Person herum ausgestaltet sind. Dabei erfassten sie nicht nur die Gesamtfl?che aller Baumgruppen, sondern eben auch, wie fragmentiert diese Baumkronenfl?chen sind, wie weit die einzelnen Fl?chen auseinanderliegen und wie komplex deren geometrische Form ist.
Diese Informationen setzten sie in Bezug zum Sterblichkeitsrisiko der entsprechenden Anwohner:innen – dabei berücksichtigten sie ausschliesslich natürlich bedingte Todesf?lle aufgrund von Krankheit und Alter. Die Daten, geliefert vom Bundesamt für Statistik, umfassten Informationen zu mehr als sechs Millionen Erwachsenen über einen Zeitraum von zehn Jahren (2010-2019). Für jede dieser Personen erstellten die Forschenden ein individuelles Profil. Zum Schutz der Privatsph?re wurden die Koordinaten der Wohnorte durch das Bundesamt auf die n?chsten 50 Meter gerundet.
Nicht nur die Menge, auch die Anordnung z?hlt
Die Analyse der Daten zeigt, dass nicht nur die Anzahl der B?ume in Wohngebieten, sondern auch deren r?umliche Anordnung mit der Sterblichkeit korreliert. Personen, die in Quartieren mit grossen, zusammenh?ngenden und gut vernetzten Baumkronenfl?chen leben, haben laut Studie eine signifikant niedrigere Sterblichkeitswahrscheinlichkeit als jene, deren Umgebung nur wenige, fragmentierte und komplex geformte Baumkronenfl?chen aufweist. Besonders ausgepr?gt ist dieser Zusammenhang in dicht bebauten Stadtgebieten mit schlechter Luftqualit?t und hohen Temperaturen: Haben solche Gebiete eine sehr vorteilhafte Begrünung, ist die Sterblichkeitsrate signifikant tiefer als in vergleichbaren Gebieten mit schlechter Begrünung.
Die Studie ist ein wichtiger erster Schritt, sie l?sst jedoch noch keine kausalen Schlüsse zu, d.h. die Forschenden k?nnen noch nicht ganz pr?zise sagen, inwiefern die Anordnung von B?umen die Gesundheit der Anwohner:innen beeinflusst. Die Ergebnisse stimmen jedoch mit ?hnlichen Studien aus Philadelphia, Teheran und Taipeh überein.
Isolierte bewaldete Grünfl?chen sollten verbunden werden
Dengkai Chi, Postdoktorandin am Future Cities Lab der ETH und eine der Erstautorinnen der Studie, erkl?rt: ?Zwar k?nnen wir noch keinen direkten kausalen Zusammenhang nachweisen, doch selbst wenn wir Faktoren wie Alter, Geschlecht und sozio?konomischen Status berücksichtigen, zeigen die Daten klare Korrelationen. Unsere Ergebnisse deuten darauf, dass nicht nur die Anzahl der B?ume, sondern auch ihre r?umliche Verteilung die Gesundheit beeinflussen k?nnte.?
Die Ergebnisse unterstreichen, dass die sorgf?ltig überlegte Anordnung von bewaldeten Grünfl?chen und die gezielte Anpflanzung von B?umen in der Stadtplanung wichtig ist: ?Um das gesundheitliche Potenzial von B?umen voll auszusch?pfen, sollten St?dte nicht nur die Anzahl der B?ume erh?hen, sondern auch darauf achten, dass isolierte Grünfl?chen miteinander verbunden sind – beispielsweise über baumges?umte Alleen? sagt Chi.
Die Studie liefert zudem Hinweise darauf, dass kompakte, geometrisch einfache Baumkronenfl?chen – etwa in Kreis- oder Rechteckform – einen positiveren Effekt auf die Gesundheit haben k?nnten als unregelm?ssig geformte, zersplitterte Baumfl?chen. Eine m?gliche Erkl?rung: Einfach strukturierte Fl?chen bieten ein gr?sseres grünes Kerngebiet, f?rdern die Biodiversit?t und laden eher zur Nutzung ein.
Weitere Forschung und klare Kennzahlen n?tig
?Wir stehen in dieser Forschung noch ganz am Anfang? erkl?rt Chi. Viele individuelle Einflussfaktoren – etwa Vorerkrankungen, Rauchverhalten oder die tats?chliche Nutzung der Grünfl?chen – konnten in der vorliegenden Studie nicht berücksichtigt werden. Auch muss noch lange nicht heissen, dass die vorliegenden Ergebnisse, die sich auf Quartierebene beziehen, sich auch auf das ganze Gemeindegebiet übertragen lassen. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass auf Stadtebene Grünfl?chen umso gesundheitsf?rdernder sein k?nnten, je gleichm?ssiger sie innerhalb der Stadt verteilt sind – sodass m?glichst alle Bewohner:innen Zugang zu ihnen haben. Um diese Zusammenh?nge besser zu verstehen, wollen die Forschenden in weiteren Studien offene Fragen kl?ren.
Mit Blick auf künftige Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungstr?ger:innen und Stadtplaner:innen, müssten die Forschenden ihre Ergebnisse noch besser quantifizieren und konkrete Schwellenwerte definieren, erkl?rt Chi.
Literaturhinweis
Chi D, Manoli G, Lin B, Aerts R, Yang J, Hahs A, Richards D, Meili N, Zhu Y, Qiu Y, Wang J, Burlando P, Fatichi S, Tan PY. Residential tree canopy configuration and mortality in 6 million Swiss adults: a longitudinal study. Lancet Planet Health 2025: 9. externe Seite https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(25)00022-1/fulltext